Dr. med Günther Rödig

Psychiatrie in Bewegung (Vortrag bei der Verbandsversammlung der bayer.Bezirke Juni 2010)

Allgemein

Das Thema „Psychiatrie in Bewegung“ ist eine große Herausforderung.
Dabei sollte man sich aber erstmal Klarheit verschaffen, wo man steht.
Nicht ausschließbar vor einem Abgrund.
Ein Schritt in die falsche Richtung kann verhängnisvoll sein.

In anderen Bereichen der Medizin ist bereits die Diskussion um die „Priorisierung“ von Leistungen im Gang.

Auch in der Psychiatrie müssen wir Stellung beziehen:
Was ist notwendig, was ist nur wünschenswert?

In den letzten 20 Jahren kam es zu einem regelrechten Boom der sogenannten Psychosomatik, in einem Maße, dass man nicht mal ansatzweise die nötige Anzahl von speziellen Fachärzten hat, um diese eigentlich zu betreiben.

Mit mittlerweile etwa 20.000 psychosomatischen Betten, vor allem in Bayern gelegen, ist ein Angebot entstanden, welches es - selbst zusammen gerechnet - in der ganzen Welt nicht gibt.

Auch die Anzahl der niedergelassenen Psychotherapeuten ist beträchtlich angestiegen.

Nichtsdestotrotz nehmen psychische Störungen als Ursache von Krankheitstagen und Frühberentungen weiterhin ungebremst zu.
Ursache dafür ist aber keine neue Epidemie durch heimtückische Viren, sondern – wie es selbst im deutschen Ärzteblatt zu lesen war – die zunehmende soziale Kälte, die sich in unserer Gesellschaft breit macht.

Aufrichtige und effektive Medizin muss – selbst wie bei TBC, Syphilis und anderen Volksseuchen in der Vergangenheit – die Ursachenbekämpfung zum Thema machen, anstatt nur „Schweigegeld“ für bloße Symptomkuriererei zu kassieren.
Psychotherapie darf nicht missbraucht werden als „Opium fürs Volk“, welches die eigentlichen Hintergründe von Leid verschleiert.

Aber nur das Hoffen auf eine bessere Politik darf dabei aber auch kein Alibi sein, aktuell Menschen, die sich jetzt in Not befinden, die notwendige Hilfe vorzuenthalten bzw zu verweigern.

Genau dies trifft aber aus meiner Sicht für das bestehende System der sogenannten psychosomatischen Versorgung zu.

Sofern jemand für sich die innere Schwelle überschreitet, sein – wie auch immer geartetes Leiden – als psychisch zu akzeptieren, sieht sich selbst in einer luxus-versorgten Region wie München konfrontiert mit einer Odyssee bzw einem Spießrutenlaufen, um überhaupt einen Therapeuten zu finden.
Dies dauert in der Regel einige Wochen.
Wiederum einige Wochen dauert es bis dann – nach der Genehmigung durch die Krankenkasse – die Therapie beginnen kann.
Interessanter Weise dauert dann die Therapie regelhaft genau so lange, wie sie genehmigt wurde, was fast wundersam an hellseherische Fähigkeiten von Psychotherapeuten denken lässt.
Anstelle zumeist ebenso wirksamer und insgesamt deutlich kostengünstigerer Gruppentherapie findet fast ausschließlich Einzeltherapie statt.

Dieses bürokratisch-unflexible System führt dazu, dass zunächst kurzfristige und vorübergehende psychische Notlagen so chronifizieren, dass schließlich das Bett in einer psychosomatischen Klinik, welches dann nach Monaten frei ist, tatsächlich auch nötig ist.

Dies ist auch volkswirtschaftlich betrachtet unsinnig, da lange Wartezeiten ohne geeignete Hilfe in der Regel auch einher gehen mit langen Krankschreibungen und einer damit verbundenen Invalidisierungstendenz.

Ein grundlegender Systemwechsel scheint mir erforderlich, der gewährleistet, dass anfangs in der Regel nur im Sinne einer Beratung oder Krisenintervention erforderliche Hilfe jederzeit und überall gewährleistet ist, was dann in vielen Fällen eine weitere Psychiatrisierung verhindern könnte.

So hält auch der anerkannte Sozialpsychiater Prof. Dörner circa 90% der psychosomatischen Betten für entbehrlich, da – zumal wohnortnahe – ambulante und teilstationäre Angebote zumindest ebenso hilfreich wären.

Nun möchte ich meinen Blickwinkel in eine andere Richtung lenken.

Während im Bereich der Psychosomatik sich in den letzten Jahrzehnten eine enorme Expansion ergab, vollzog sich im Kernbereich der klassischen Psychiatrie trotz gut gemeinter Vorgaben der Psychiatrie-Enquete ein zunehmender Abbau.
Über die Hälfte der stationären Betten wurden abgebaut und nur unzureichend durch Investitionen in den ambulant-komplementären Bereich kompensiert.

Insbesondere wurden dabei Kosten verlagert, und zwar in der Regel von den Krankenkassen zur Sozialhilfe, mithin bei uns in die Zuständigkeit der Bezirke.

Aus meiner Sicht nahmen sich bislang die bayrischen Bezirke sehr klaglos-schicksalsergeben dieser Aufgabe an und leisteten Beachtliches.

Wie aber jeder wissen wird, sind die Bezirke hinsichtlich ihrer finanziellen Belastbarkeit nun am Ende.

Die Krankenkassen beklagen das selbe.

Vielleicht stehen wir tatsächlich bereits vor einem Abgrund.

Als Warnung möchte ich verweisen auf das Bundesland Niedersachsen.
2008 wurden dort die bis dahin landeseigenen psychiatrischen Krankenhäuser privatisiert und zum größten Teil an kommerzielle Konzerne verkauft.
2009 wurde ebenso in Niedersachen von der AOK die Versorgung ihrer 15.000 schizophrenen Patienten an den kostengünstigsten Investor zur Versorgung ausgeschrieben.

Auch in Bremen, Berlin und nun auch in München laufen Projekte von Krankenkassen, die psychiatrische Versorgung selbst in die Hand zu nehmen.

Richtungsweisende politische Entscheidungen sind gefordert, solche Entwicklungen zu verhindern.

Leitgedanke sollte dabei sein:
Was ist notwendig – unverzichtbar?
Was ist nur wünschenswert,
und das vor dem Hintergrund definitiv begrenzter Rahmenbedingungen?

Dabei scheint mir im Vergleich zu andern Ländern prinzipiell durchaus genügend Geld im System zu sein, um eine flächendeckende Versorgung auf akzeptablem Niveau zu ermöglichen.

In Verantwortung für das Ganze sollte Abstand genommen werden, die Psychiatrie als Markt zu betrachten, wo jeder Leistungsanbieter oder Interessensvertreter darauf aus ist, sich ein noch größeres Stück vom Kuchen zu sichern, und sei es durch immer wieder neue Hochglanz-verpackte Spezialangebote mit Hotel-Komfort.

Auch so mancher Geschäftsführer unserer Krankenhäuser scheint mir gegen diese Vorlockung in keinster Weise immun zu sein.

Eine weitere Bettenaufstockung sollte ausgeschlossen werden. Die Umwandlung von Betten in ambulant-teilstationäre Einheiten sollte gefordert und gefördert werden. Modellregionen mit einem Regionalbudget haben diesbezüglich bereits Beispielhaftes geleistet.

Nun ein besonders heikles Thema:
Wohnortnahe Versorgung ist sicher eine berechtigte Forderung.
Aber: An Stelle jeder neuen 100-Betten Regionalklinik könnte gewiss ein halbes Dutzend Tagkliniken und Ambulanzen geschaffen werden, was tatsächlich zu einer entscheidenderen flächendeckenden Verbesserung der Versorgungssituation führen würde.
Bei ohnehin immer kürzeren Aufenthaltsdauern erscheint mir der Verzicht auf „Betten vor Ort“ verschmerzbar, zumal dies selbst auch von Betroffenen gar nicht uneingeschränkt gewünscht wird, und auch bei den zahlreichen Psychosomatik-Kliniken ohnehin nicht der Fall ist.

Nur durch eine entschlossene Stärkung des ambulant-komplementären sowie teilstationären Bereichs werden wir unserer Aufgabe - der Sicherstellung der psychiatrischen, aber auch psychosomatischen und psychotherapeutischen Versorgung - gerecht werden können.

Auch Erkenntnisse moderner Versorgungsforschung bestätigen, dass prinzipiell genügend Geld sich im System befindet, aber eine strukturelle Umverteilung unter gesundheitsökonomischen Aspekten erforderlich ist.

Tatsächlich: Psychiatrie ist in Bewegung.
Wir tragen die Verantwortung.

 
 

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