Dr. med Günther Rödig

Psychiatrische Leitlinien - einmal anders (Grundsatzgedanken für eine menschliche Psychiatrie, 2003)

Allgemein

Was der Inhalt meiner Ausführungen sein wird, ist meine Bilanz und auch meine Utopie nach einer nun schon 20-jährigen akut-psychiatrischen Erfahrung im Bezirkskrankenhaus Haar.

Bevor ich auf meine Leitsätze im einzelnen eingehe,
möchte ich vorweg ihren Hintergrund – meinen psychiatrischen Werdegang – kurz darstellen.

1975 hatte sich die Frage
schafft mich die Schule, oder schaffe ich sie,
eindeutig zu meinen Gunsten entschieden.

Einem streng mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasium entkommen, hatte ich mich bald auf alles gestürzt,
was damit nichts zu tun hatte.

Dabei stieß ich unter anderem auf Hölderlin,
welcher mich sehr beeindruckte,
beispielsweise möchte ich verweisen auf einen Auszug aus seinem Hyperion.

„Eins zu sein mit allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen.
Eins zu sein mit allem was lebt, in seeliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur,
das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden,
das ist die heilige Bergeshöh,
der Ort der ewigen Ruhe, wo der Mittag seine Schwüle und der Donner seine Stimme verliert
und das kochende Meer der Woge des Kornfelds gleicht.
Eins zu sein, mit allem was lebt
Mit diesem Worte legt die Tugend den zürnenden Harnisch, der Geist des Menschen den Zepter weg,
und alle Gedanken verschwinden vor dem Bilde der ewig einigen Welt, wie die Regeln des ringenden Künstlers vor seiner Urania,
und das eherne Schicksal entsagt der Herrschaft,
und aus dem Bunde der Wesen schwindet der Tod,
und Unzertrennlichkeit und ewige Jugend beseeliget, verschönert die Welt.
Oh ein Gott ist der Mensch wenn er träumt,
ein Bettler wenn er nachdenkt...“

Dass so ein Mensch ein Schizophrener gewesen sein soll,
erfüllte mich mit
respektvoller Achtung und Neugier
dieser Krankheit gegenüber.
In der Studienzeit widmete ich mich dann auf der Suche nach Neuem allen möglichen alternativen Richtungen
so auch der Anti-Psychiatrie.

Versuche Freud zu lesen stellte ich aber bald ein,
da ich seine Texte fast so veraltet und langweilig fand,
wie das Kapital von Karl Marx.

Beeindruckend gerade in Hinblick auf Psychosen erlebte ich aber
wöchentliche Therapieseminare bei Paul Mattusek am MPI, München,
welcher es aus meiner Sicht verstand,
dem angeblich unzugänglichen Wesen der Schizophrenie sich allgemein-menschlich zu nähern
und Betroffene nicht
wie in einem Kuriositätenkabinett vorführte.
Sein Buch Psychotherapie schizophrener Psychosen wurde lange Zeit eines meiner Lieblingsbücher.

Voller Ideale und Tatendrang
entschloß ich mich schließlich
in die „Anstalt“ zu gehen,
wie ein Forscher vergangener Jahrhunderte in den Urwald.

Dass die Nußbaumstraße, die Nervenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München mit ihrer akademisch-hierarchischen Weißkittelpsychiatrie,
wie ich es damals etwas hitzköpfig beurteilte,
nichts für mich war,
hatte ich anläßlich von Vorlesungen und Seminaren im Rahmen des Studiums bald festgestellt
und meine Teilnahme bzw. Anwesenheit auf das Nötigste beschränkt.

In Haar bot sich mir nun tatsächlich
ein ideales Betätigungsfeld.
Schon aufgrund seiner Größe war es
de facto nicht regierbar,
so dass im real existierenden Chaos
viele Freiheiten sprießen konnten.
Insbesondere war es auch anregend,
dass damals in der Aufnahmeklinik ohne weiteres vier verschiedene Ausrichtungen
nebeneinander existierten
und wenn nicht voneinander profitierten,
so doch sich gegenseitig akzeptierten.

An sich durch antipsychiatrische Ideale vorgeprägt,
kann ich nicht bestreiten,
sehr von der Wirksamkeit von Neuroleptika überrascht
und vorübergehend selbst zu einem Protagonisten auch der Hochdosisbehandlung geworden zu sein.

Wie ein Zirkusdirektor seine wilden Löwen,
glaubte auch ich den „Wahnsinn“ immer besser in den Griff bekommen zu können.

Hochmotiviert – meine erworbenen Künste unter Beweis zu stellen –
meldete ich mich dann als Freiwilliger für Haus 5,
das damalige Haus für unruhige, aggressive Männer,
und blieb dort schließlich mit Unterbrechungen ca. drei Jahre,
da kaum jemand als Nachfolger sich interessierte.

Dies wurde für mich eine sehr interessante Lehrzeit.
Bald mußte ich feststellen,
dass nur mit weiterer Optimierung von damals noch üblichen
Spritzenkuren – 3 x 3/1 oder 3 x 4/1 – ,
das bedeutet 3 x 3 bzw. 4 Amp. Glia oder Haldol
plus 1 Amp. Atosil oder Neurocil,
der Wahnsinn nicht zu bezwingen war.

Nachträglich fragte ich mich,
ob manche Patienten sich nicht fühlten wie bei der heiligen Inquisition
und abweicherischem Denken abschworen,
oder abzuschwören vorgaben,
aus Angst vor weiterer Behandlung.
Man bedenke, dass ungeachtet der Dosis an einem Tag
bis zu 30 ml intramuskulär verabreicht wurden, und
dies mitunter mehrere Tage hintereinander.

In dieser Zeit habe ich sehr viel gelernt
auch angeregt von einzelnen Pflegern der Station,
oft waren es auch nur Schüler oder Zivis,
die aus ihrer Alltagstätigkeit heraus sich bemühten,
einen möglichst guten, wenn nicht gar freundschaftlichen Kontakt
zu Patienten aufzubauen
und so eine noch möglichst angenehme Stationsatmosphäre schaffen wollten.

Dies war durchaus revolutionär,
da auf anderen Stationen es zum Teil noch üblich war,
dass lediglich der sogenannte Hauspfleger oder sein Vertreter
unmittelbar mit Patienten in Kontakt treten durften,
andere aber mehr oder weniger zurechtgewiesen wurden,
wenn sie mal nichts besseres zu tun hatten,
als mit Patienten „zu ratschen“.

Das Bemühen um eine möglichst gute Stationsatmosphäre bewirkte schließlich
Interesse an der Soteria-Idee,
wobei eine ernstgemeinte Umsetzung
im Rahmen dieser Station für böse Männer
nicht möglich war.

Immerhin wurden aber beste Erfahrungen gesammelt
mit einer möglichst großzügigen Gewährung von Freizügigkeiten wie Ausgang
was bis dahin eher die Ausnahme war.
Trotz anfänglicher Befürchtungen blieben besondere Vorkommnisse dabei eher eine Rarität.

Immer wieder begann ich mir in dieser Zeit schließlich Gedanken zu machen,
warum Patienten, die oft so heilsamen Medikamente,
zum größten Teil nicht wollten.
Dies sensibilisierte mich
insbesondere im Zusammenhang mit Dose-Eckermann Fortbildungen im Bayer. Bildungszentrum Irrsee für Nebenwirkungen.

Dabei stellte ich rückblickend fest,
dass vielen Patienten Unrecht getan wurde,
die bei tatsächlichen frühdyskinetischen Nebenwirkungen
mit Placebos statt Akineton abgespeist wurden,
um sie der Simulation zu überführen.

Akatisie wurde oft als fortbestehende psychotische Gespanntheit aufgefasst
und mit Neurocil narkotisiert
bis resultierende Harnverhaltung im Liter-Bereich
des öfteren erneut Anlass gab für psychomotorische Unruhe.

In der Geriatrie war rückblickend mitunter sogar versucht worden,
delirante Zustandsbilder
mit Dosierungen ruhig zu stellen,
welche man heute selbst einem Maniker kaum zumuten würde.

Glücklicherweise gehören entsprechende Dinge,
was ich ausdrücklich betonen will,
heute seit langem der Vergangenheit an.

Ein weiterer Streitpunkt wurden für mich schließlich die Fixierungen.
Unmittelbar miterlebte Traumatisierung
durch die damals
generell noch übliche Fünf-Punkt-Fixierung –
wurde Anlass
zunächst stationsintern, später stationsübergreifend
in verschiedenen Arbeitskreisen diesem Übel entgegen zu wirken,
für welches eines Tages ein mitfühlender Mensch
nicht nur scherzhaft den Begriff
psychiatrische Kreuzigung fand.

Eine von Gegnern immer wieder zitierte Anordnung des ehemaligen Direktors
Dr. Schulz,
auf welche, wie eruiert werden konnte,
auch Nußbaumstraße und rechts der Isar sich beriefen,
ließ sich trotz jahrelanger Suche nicht auffinden.
Auch wenn diese gefunden worden wäre,
hätte dies aber auch eine weitere Mißachtung von Menschenrechten wohl kaum entschuldigt.

Bei allem Bemühen um Liberalisierung und Humanisierung in der Psychiatrie
blieben mir die Psychosen bzw. die sog. Schizophrenien an sich aber noch lange ein Rätsel.

Dieses Haus 5, als Haus für unruhige-aggressive Männer
später geschlossen,
da es als unzeitgemäß und überflüssig erachtet wurde,

In wie weit evtl.
Verschlechterung des Stationsmilieus und Zunahme von Fixierungen auf anderen Aufnahmestationen
und vermehrte Abwanderung von Problempatienten in die Forensik
die Folge war, wurde leider nicht untersucht.

Für mich allerdings war positiv, dass ich mich im weiteren verstärkt meiner Aufnahmestation 12/3 A widmen konnte.

Dort traf ich viele liebe und extrem engagierte Weggefährten
aus allen Berufsgruppen, insbesondere auch des Pflegepersonals,
die mithalfen,
eine therapeutische Kultur zu entwickeln,
welche letztlich Grundlage meiner psychiatrischen Leitsätze wurde.

Rückblickend mußte ich dabei erstaunt feststellen,
trotz nun bereits langer Berufstätigkeit,
in vielen Punkten doch wieder zu alten anti-psychiatrischen Idealen zurückgefunden zu haben.

Warum auch nicht.

Nach dieser Einleitung möchte ich diese Leitsätze nun konkret vorstellen.
Der erste lautet:
Wie bereits die alten Römer wußten,
erare humanum est,
„Irren ist menschlich“
So betitelte auch Dörner seinen Lehrbuchklassiker
der mich sehr beeindruckte

Für mich bedeutet
„Irren ist menschlich“
eine Grundhaltung der Solidarität
da prinzipiell jeder ein Krankheitsrisiko in sich trägt,
welches abhängig von Belastungssituationen und Schicksalsschlägen
zum Ausbruch kommen kann
und nichts grundsätzlich uns von unseren Patienten unterscheidet.

Kritik geht damit einher an einer
leider noch zu oft auf Stationen, in Arztpraxen
aber auch bei vielen Psychotherapeuten vorherrschenden Trennlinie,
die etikettiert Kranke von vermeintlich Gesunden trennt.

Würden auch nur alltägliche – allzu menschliche Unzulänglichkeiten
oder gar Verfehlungen
offen eingestanden,
würde schnell viel sich ändern,
und zwar nicht unbedingt in negative Richtung.

Ganz bewußt nicht überstrapazieren möchte ich an dieser Stelle
die bekannt hohe Rate von Alkohol-, Tabletten- und sogar Drogenabhängigkeit
in medizinischen Berufen,
da dies ein ausgrenzendes schwarz-weiß-Denken
nur unterstützen würde.

Eher lohnt es sich, nachzufragen,
wie viele von uns,
selbst Analytiker, die oft für sich in Anspruch nehmen gleichsam die Creme de la Creme der Therapeuten zu sein,
haben nicht auch Mühe ihr reales Leben
bzw. ihre privaten Beziehungen
einigermaßen auf die Reihe zu bringen,
d.h. aber nicht, dass ich irgend jemanden, der vielleicht auch eine persönliche Tragödie mit sich trägt,
bloßstellen oder diskreditieren möchte.
Vielmehr glaube ich,
dass entsprechende eigene Erfahrungen
durchaus hilfreich genutzt werden können.
Arglose Geschöpfe, die noch an eine heile Welt glauben,
wären bei uns ohnehin fehl am Platz.

Weiterhin soll
„Irren ist menschlich“
auffordern, nachzudenken,
dass psychotisches Denken und Erleben,
nicht wirklich so fremd und uneinfühlbar ist,
wie es noch in manchen Lehrbüchern steht.

Wer hatte nicht schon Horrorerlebnisse, wenn er z.B. nach Aktenzeichen XY ungelöst,
nachts noch auf die Straße mußte, um Zigaretten zu holen.

Auch dürfte ich bestimmt nicht der einzige hier im Raume sein,
der früher zumindest Cannabis mal probiert und dabei die Realität auch von einer anderen Seite kennengelernt hat.

Eindrucksvoll blieb mir dabei in Erinnerung
in flüchtigen Paranoia-Reaktionen
gleich besorgt gewesen zu sein,
der Polizei – oder der Psychiatrie
in die Hände zu fallen.

So ergeht es sicher auch
vielen unserer Patienten,
bei denen Psychiatrie weniger assoziiert ist
mit Hoffnung auf Hilfe,
sondern Angst vor zusätzlicher Verdammnis.

Neben fortbestehender Diskriminierung in der Öffentlichkeit
leisten dabei drohende Diagnosen
wie Schizophrenie
einen maßgeblichen Beitrag,
und belasten aus meiner Sicht und Erfahrung
den tatsächlichen zwischenmenschlichen Kontakt,
der in den Stunden der Not,
in welcher viele unserer Patienten sich befinden,
am nötigsten wäre.

Besser bewährt hatte sich für mich
ihnen zu begegnen als Menschen
in existenzieller Erschütterung, vorübergehender Verwirrung, oder sogar
in außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen.

Mag dies auch unwissenschaftlich klingen
glaube ich aber doch behaupten zu können,
durch diese Grundhaltung
Patienten zumindest nicht geschadet zu haben.

Apropos Wissenschaft
stellte sich mir schon oft zum Motto „Irren ist menschlich“ auch die Frage
nach der tatsächlichen Häufigkeit von Psychosen.
Gemäß Lehrbüchern wird ca. ein Prozent der Population als schizophren diagnostiziert.

Geht man statistisch davon aus,
dass sicher hier kein entweder-oder-Merkmal,
wie tot oder lebendig vorliegt,
bliebe eine erhebliche Dunkelziffer zumindest verkappt Schizophrener zu vermuten,
welche es schaffen,
entweder weniger auffällig zu werden,
oder gar entsprechende Anlagen bzw. Sensibilitäten
besser zu nutzen verstehen
z.B. im Sinne besonderer Kreativität und Spiritualität.

Nun zum nächsten Leitsatz

2. „Die ganze Welt ist verrückt“
Dies fordert ein offenes Bekenntnis dazu, dass die sog. normale Realität
alles andere als vernünftig ist.
Kriege, Nationalismus, Rassismus,
Umweltzerstörung, Konsumdenken,
Vereinzelung, Isolation,
Werteverlust, Sinnkrise,
Esoterik und Sekten
sollen dabei stichpunktartig das gemeinte Problemfeld abstecken.

Die ganze Welt ist verrückt

So mancher mag sich fragen,
was damit einem Schizophrenen genutzt sei.
Erfahrung meinerseits aufgrund unzähliger Gespräche
und Psychose-Info-Diskussionsrunden
ist, dass Patienten besser sich angenommen und verstanden fühlen
in ihrer existenziellen Erschütterung
die gleichsam regelhaft
ihren Psychosen vorausgeht oder diese begleitet.

Auch werden zusätzliche Traumatisierungen vermieden
dadurch dass die Erkrankung herausgenommen wird
aus einer individualisierten Betrachtungsweise
nur persönlicher Unzulänglichkeit oder gar Defizienz.

Leichter mag es dann auch gelingen Lebensperspektiven abseits von üblichen gesellschaftlichen Vorstellungen als akzeptabel zu vermitteln.

Die ganze Welt ist verrückt

Diese durchaus gesellschaftskritische Bezugsetzung hinsichtlich psychiatrischer Erkrankungen
insbesondere von Psychosen
wurde in für mich eindrucksvoller Weise auch vertreten
in einer Radiosendung des Bayerischen Rundfunks vom 1. Juli 2001 unter dem Titel
„Ich habe es so erfahren, das Subjektive als Tor zur Wirklichkeit“.

Dass die Sendung unter dem Motto evangelische Perspektiven der Abteilung Kirche lief soll mich nicht hindern, kurz daraus zu zitieren.

Bezugnehmend auf den tschechisch-amerikanischen Psychotherapeuten Stanislaw Grof wurde ausgeführt:
Auch wenn es nicht klar ausgesprochen wird, geht man im gegenwärtigen psychiatrischen Denken mehr oder weniger davon aus, dass zu geistiger Gesundheit Atheismus, Materialismus und das Weltbild der mechanistischen Wissenschaft dazugehören.

Weiter wurde fortgeführt
Ken Wilber etwa nennt die Welt der Objektivität, der meßbaren und beobachtbaren Fakten eine Flachlandwelt...
Flachland ist die Vorstellung, dass die sinnliche, empirische und materielle Welt
die einzige existente Welt sei.
Dass uns keine höheren oder tieferen Potentiale zur Verfügung stünden,
z.B. keine höheren Stufen der Bewußtseinsentwicklung.
Diese Kartographenwissenschaft wettert Wilber klatscht den ganzen Kosmos an die Wand des Reduktionismus
und alle Bereiche mit Ausnahme des Physischen
verbluten langsam vor unseren Augen
wenn man vom Inneren zum Äußeren geht
vom Geist zum Gehirn
vom Mitgefühl zum Serotonin...

Die ganze Welt ist verrückt

Hinzukommend zu diesen gesellschaftlichen Aspekten
sehe ich auch in der sog. Naturwissenschaft erheblichen Anlass zur Verwirrung.

Wer ist tatsächlich noch imstande – auch nur annähernd
den Bereich der Elementar- und Astrophysik zu erfassen, mit seinen immer wieder neuen Teilchen Supernovas, schwarzen Löchern usw.
wenn selbst Elektrizität, Magnetismus für viele unverständlich bleiben,
nicht zu reden von Wünschelrutengehen, Akupunktur, Homöopathie und vielen mehr.

Die ganze Welt ist verrückt – daraus ergibt sich unmittelbar

3. „Jeder spinnt auf seine Weise, die Normalen kollektiv, die Kranken individuell“.
Dies meint Akzeptanz,
dass in einer real verwirrenden Welt
jeder ein Ordnungskonstrukt für sich entwickelt,
wobei die großen Massen in der Regel Ideologien politischer und/oder religiöser Art für sich übernehmen,
die mitunter wahnsinnig und mörderisch sein können.
Psychotiker und Philosophen suchen zumindest ihren eigenen Weg,
können dabei selbstverständlicherweise aber auch irren
Letzteres sieht wohl auch Dörner in seinem Lehrbuch „Irren ist menschlich“ so mit der Erklärung von Wahnideen bzw. Wahnsystemen als erfolgter Ordnungsversuch einer völlig fremd gewordenen Welt, was Ciompi einmal sehr treffend als „Todeslandschaften der Seele“ bezeichnete.

Als Mahnung, dass kollektive Konstrukte dabei in der Regel nicht wirklich vernünftig sind,
sei eine alte Prophezeiung der Cree-Indianer zitiert,
die da lautet:
„Erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fluß vergiftet und der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann“.

Defätistisch soll dabei aber in keinster Weise die Auffassung vertreten werden, dass jegliches menschliche Denken und Streben
nur in die Irre führen muß.

An dieser Stelle sei nun übergegangen zum nächsten Punkt.

4. Was sind Psychotiker
Item-Träger gemäß ICD-10 F20 xy
oder Verirrte in unbekannten Welten
zwischen Himmel und Hölle,
denen wir Leuchtturm sein sollen,
damit unser Licht ihnen helfe, zurückzufinden.

Für welche Alternative ich mich entschieden habe, dürfte klar sein.

Ergänzend sei hinzu gefügt:
So mancher wird uns durch mitgebrachte Geschenke reich belohnen.

Dies verlangt das persönliche Mitgefühl
und den persönlichen Respekt
vor dem jeweils individuellen Leben und Leiden
eines Psychosekranken.
Erinnert sei an dieser Stelle nochmals an Hölderlin, welchen ich eingangs erwähnte.
An dessen Tragik oder Brillanz sollen wir uns aber nicht ergötzen.
Eher sollten wir mögliche Extremerfahrungen
bezüglich Grenzsituation wie Spiritualität oder Tod wertschätzen
gleichzeitig uns anbieten,
gleichsam als Fremdenführer in einer fremd gewordenen Welt.

Dem sei an dieser Stelle nichts weiteres hinzugefügt.

5. „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch“.
Wie unschwer zu erraten sein dürfte, handelt es sich dabei wiederum um ein Zitat nach Hölderlin.
Das soll meinen,
Psychose als existenzelle Krise,
aber auch als Chance zu erkennen,
um neue Wege zu finden
aus einer bislang defizitären
oder den persönlichen Bedürfnissen nicht entsprechenden Realität.

Als Konsequenz für die tägliche Praxis sehe ich,
auf Diagnosen wie Hebephrenie oder Schizophrenie,
außer evtl. bei Stellungnahmen gegenüber Krankenkassen,
nach Möglichkeit zu verzichten,
da diese im Sinne einer self-full-filling-prophecy
negativ sich auswirken könnten
in Richtung eines eher chronischen Krankheitsverlaufs.

Wer würde beispielsweise einem Ertrinkenden, wenn auch gut gemeint,
einen Rettungsanker um den Hals binden
oder einem ohnehin schon
Stigmatisierten noch einen
Stempel auf die Stirn klatschen.

Vielmehr gilt es hin zu orientieren auf eine mögliche persönliche Botschaft im
Rahmen der Psychose
verstanden als existenzielle Grenzerfahrung.
Dabei wird man zwar nicht in jedem einen versteckten Hölderlin entdecken, zumindest wird man aber fast regelhaft auf Material stoßen,
welches im Sinne des Vulnerabilität-Streß-Modells
oder auch im Sinne des neuen Schlagworts der Salutogenese
dazu beitragen kann, das weitere Leben gesünder zu gestalten.
Prinzipiell sind dazu Möglichkeiten durchaus gegeben.
Nebenbei bemerkt könnte so manches
wie z.B. Wohngemeinschaften und Tagesstätten
mit ihrem mittlerweile sehr reichhaltigen Angebot
auch durchaus interessant sein für sog. Gesunde, welche oft auch unter Anonymität und Isolation in unserer Gesellschaft leiden.
Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch
Dies läßt auch einen Blick
in die Welt der Mystik
lohnend erscheinen.
Dazu sei folgendes Zitat (nach Campell) angemerkt:
Der Mystiker, der eine natürliche Begabung
dafür mitbringt
und Schritt für Schritt
den Anweisungen eines Meisters folgt,
taucht ins Wasser ein
und stellt fest,
dass er schwimmen kann.
Der unvorbereitete,
führerlose und unbegabte Schizophrene hingegen
ist hineingefallen
oder absichtlich hineingesprungen
und geht jetzt unter.
Dies Patienten zu vermitteln
signalisiert prinzipiell Respekt vor ihrem Erleben
mahnt aber gleichzeitig
in notwendiger Weise zu Achtsamkeit.

6. „Die Umstände machen die Aufstände“.
Dies meint zum einen, den Versuch den jeweiligen Patienten in seiner jeweiligen
persönlichen Situation zu verstehen,
um möglicherweise daraus ein Bedingungsgefüge zu erkennen,
welches seine Krankheit mit verursachte.
Um Redundanz zu vermeiden sei diesbezüglich auf weitere Ausführungen verzichtet.

Zum anderen sollten wir im Rahmen eines stationären Aufenthaltes
uns selbst bezüglich der vorgefundenen Verhältnisse
als Einflußfaktor sehen
der Behandlungsverlauf
und Erfolg oder Mißerfolg mitbestimmt.

Dass überfüllte Stationen oder sogar Wachbereiche
mit einer immer schneller sich drehende Drehtürpsychiatrie
nicht zweckdienlich sein können
sollten wir an dieser Stelle selbstkritisch eingestehen.

7. „Wer nicht genießt wird ungenießbar“
Dieses Zitat nach Konstantin Wecker sollte uns nicht zu falschen Schlußfolgerungen
verleiten, wie es bei ihm der Fall war.

Statt dessen verstehe ich darin eine Botschaft
nicht nur für Patienten,
sondern in gleicher Weise auch für in der Psychiatrie Tätige.

Nur wer für Zufriedenheit und Freude im persönlichen Bereich für sich sorgt,
wird als Patient oder in der Psychiatrie Tätiger
einen guten Weg für sich finden.

8. „Auf die richtige Chemie kommt es an“
Dies meint nicht nur Empathie im Beziehungsbereich,
welche in der Regel in der Psychosebehandlung allein nicht ausreicht,
sondern auch die Notwendigkeit angemessener Kenntnisse im medikamentösen
Bereich
mit dem Ziel,
bestmögliche Wirkung bei geringst möglichen Nebenwirkungen zu erreichen.

Eindeutig warnen möchte ich an dieser Stelle vor oft selbsternannten Therapeuten
oder Wunderheilern,
welche vorgeben,
aufgrund welcher Inspiration oder Ausbildung auch immer,
Psychosen auch ohne Medikamente behandeln zu können.
Nicht selten scheinen mir dabei Patienten Opfer und Spielball zu werden eines
egozentrischen Geltungsstrebens.
Die leider auch oft sehr destruktive Seite
der Naturgewalt die Psychosen inne wohnt
findet dabei nicht gebührende Achtung
mit nicht selten tragischen Konsequenzen.

Neben dem ersten Leitsatz „Irren ist menschlich“ scheint mir der nun folgende
9. „Was Du nicht willst das man Dir tut, das füg auch keinem anderen zu“, als der wichtigste.

Wer dies beachtet,
wird kaum etwas falsch machen.
Dies sollte Leitsatz für all unser Entscheiden und Handeln sein.

Patienten, aber auch Mitarbeiter werden es uns danken.
Dies mahnt uns nachzudenken,
über viele Dinge und Verfahrensweisen
unserer tagtäglichen Arbeit,
erscheinen sie uns
auch noch so selbstverständlich
und vermeintlich bewährt.

Allein schon die Aufnahmesituation,
ist oft entscheidend
nicht nur für den stationären Aufenthalt,
sondern für die gesamte Prognose,
welche maßgeblich mitbestimmt wird
durch die Art und Weise,
wie man sich angenommen gefühlt hat
oder nicht.

Jegliche Restriktion
die nicht besorgt liebevoll
einem Betroffenen vermittelt werden kann,
produziert Widerstand.

Bloßer Hinweis
auf die üblichen Stationsregeln
wird dem Ausnahmezustand
in dem sich viele unserer Patienten befinden,
nicht gerecht.

Besondere Achtsamkeit gebührt auch
der Verordnung von Medikamenten,
wobei regelhaft Vorerfahrungen
mit einbezogen werden sollten,
um Betroffenen
nicht unnötigerweise Nebenwirkungen zuzumuten.

Ein Spezialthema für mich,
nach Befassung mit dem Soteria-Modell
wurde die offene Tür,
die nicht nur aus meiner Erfahrung heraus
maßgeblich ein Stationsklima prägt.
Leider wurde diese Idee
bislang noch von zu wenigen Stationen
als Ermutigung aufgefasst
entsprechendes auch zu versuchen.

Was Du nicht willst, das man Dir tut, das füg auch keinem anderen zu.

Aktuelle Brisanz bei uns sehe ich diesbezüglich
und zwar für Patienten wie auch Mitarbeiter
in einer zunehmend drohenden Amerikanisierung der Verhältnisse.
Wie z.B. immer wieder von Ärztetag und Marburger Bund angeprangert wurde,
vollzog sich generell in der Medizin
in den letzten Jahren
durch reduzierte Betten,
verkürzte Liegedauern,
größeren Patientendurchlauf
Zunahme von Bürokratie.
Ein deutlicher Anstieg der Arbeitsbelastung
und zwar für alle Berufsgruppen in gleicher Weise.
– was verständlicher Weise nicht ohne Konsequenzen bleiben kann.

Abschließend nun der 10. Leitsatz:
„Auch Psychiater können irren“.

Das soll meinen:
In aller Bescheidenheit müssen wir einräumen, dass all unser Wissen bezüglich
Entstehung, Erscheinungsform und Behandlung psychischer Erkrankungen nur
Hilfskonstrukte und nicht die Wahrheit selbst sind.

Wenn ein therapeutischer Erfolg ausbleibt,
sollten wir nicht nur mögliche Widerstände des Patienten
oder evtl. seiner Angehörigen
ins Blickfeld nehmen,
sondern auch möglicherweise begrenzte Kenntnis bzw. Erkenntnis unsererseits.

Diesbezüglich könnte ich viele Beispiele anführen,
die ich in meinen fast 20 Berufsjahren erlebte,
wo vermeintlich
sichere Diagnosen in sich zusammenfielen.

So z.B. ein Fall
wo eine psychodynamisch
bestens erklärbare Gangstörung
letztlich doch als Resultat einer instabilen HWS-Fraktur
sich herausstellte,
die der Betroffene sich zugezogen hatte
beim Sprung aus dem Fenster
der Praxis eines Therapeuten.

Auch Psychiater können irren.

In dem Sinne
möchte auch ich mich
eindeutig davon distanzieren
zu glauben,
mit diesen Leitsätzen ein neues Patentrezept gefunden zu haben für
die psychiatrische Arbeit.
Wenn ich aber bewirken könnte,
dass Betroffenen mehr Achtung und Freundlichkeit entgegen gebracht wird,
wäre ich sehr zufrieden.

 
 

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